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Beratungsstelle Arbeit schafft Perspektiven in Lebenskrisen

Eigentlich mag Jens Homann den geräumigen Esstisch in seinem Wohnzimmer. Seit eineinhalb Jahren ist dieser Tisch allerdings zum Sinnbild einer Lebenskrise verkommen. Wo er sonst mit Freunden und Familie zu Abend aß, hat sich nunmehr eine Halde mit unzähligen Briefen und Dokumenten aufgetürmt. Sie zeugen davon, dass sich Homann mühsam durch einen dichten Bürokratie-Dschungel hangeln muss. Momentan ist er auf Hilfe verschiedener Behörden aus fünf unterschiedlichen Rechtskreisen angewiesen.

All das begann vor 17 Monaten, als Jens Homann seinen Job als Fachlagerist verlor. Zuvor war er derart schwer erkrankt, dass er seinen Beruf vorübergehend nicht mehr ausüben konnte. Mit der Kündigung begann der „Schlamassel“, wie Homann seine Situation lapidar beschreibt. Die Krankheit bedingte die Arbeitslosigkeit, und diese eine sich immer weiter aufblähende Verschuldung. Heute droht dem 58-Jährigen gar die Privatinsolvenz.

Dass Jens Homann dennoch Zuversicht ausstrahlt, hat zweierlei Gründe. Zum einen verfügt er über Nehmerqualitäten, er selbst charakterisiert sich als kernig. „Wenn man hinfällt, werden vielleicht die Knie schmutzig. Aber aufstehen muss man ja doch immer wieder“, meint der Krefelder. Zum anderen ist er seit September an ein Hilfeangebot angebunden, das sein Leben spürbar sortiert hat und neue Perspektiven aufzeigt. Über Umwege hat Homann zur Beratungsstelle Arbeit gefunden. Sie unterstützt erwerbslose Menschen und solche, die in kritischen Beschäftigungsverhältnissen stehen. Die Beratungsstelle ist zweigliedrig organisiert. Ihre Leitung liegt beim Arbeitslosenzentrum (ALZ) Krefeld. Mit einer halben Stelle unterstützt die Kommunale Zentralstelle für Beschäftigungsförderung der Stadt Krefeld.

„Wir bieten berufliche Orientierung und beraten Menschen, die von prekärer Arbeit oder Arbeitsausbeutung betroffen sind. Ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld ist außerdem die Sozialberatung von Erwerbslosen“, erklärt Niklas Pickhardt-Pankratz, der als Mitarbeiter der Zentralstelle für Beschäftigungsförderung bei der Beratungsstelle tätig ist. Einen typischen Klienten gibt es hier nicht, weder beim Alter noch bei der Art des Hilfeersuchens. Die Spanne reicht von Langzeitarbeitslosen über erkrankte Menschen bis hin zu Akademikern, 16-Jährige suchen hier ebenso Unterstützung wie Menschen kurz vor dem Renteneintritt. Viele Klienten sind von Kündigungen bedroht oder betroffen. Viele bekommen keinen Lohn ausgezahlt. Viele sind aber auch schon in die Erwerbslosigkeit gerutscht und bangen um ihre Existenz. Hier hakt das Angebot ein.

„Wir kennen die Hilfestruktur in Krefeld ziemlich gut und versuchen, die passgenaue Unterstützung für die Klientin oder den Klienten zu finden. Ziel ist immer die Stabilisierung, sodass die Menschen sukzessive in ein eigenständiges Leben zurückkehren können. Gleichzeitig liegt ein Schwerpunkt unserer Arbeit darin, präventiv darauf hinzuwirken, dass Menschen nicht in prekäre Arbeitsverhältnisse rutschen“, sagt Birgit Pannenbecker, Leiterin der Beratungsstelle. Zusammen mit ihrem Kollegen Lukas Coelen berät sie Klienten beim Arbeitslosenzentrum.

Neben den rechtlichen Faktoren berücksichtigen Birgit Pannenbecker, Niklas Pickhardt-Pankratz und Lukas Coelen immer auch die psychosoziale Lage ihrer Klienten. Sie versuchen immerzu, die persönlichen Ressourcen zu stärken. Die meisten Menschen, die die Beratungsstelle aufsuchen, haben nicht ein Problem, sondern bringen ein ganzes Arsenal komplizierter Herausforderungen mit. Zunächst verläuft der Kontakt meistens wöchentlich mit einstündigen Sitzungen. Nach durchschnittlich sechs bis acht Terminen haben sich die Klienten oft stabilisiert, sodass die Intensität abnimmt. Mithin dient die Beratungsstelle bestenfalls nur noch als Back-up. Häufig vermitteln die drei Mitarbeitenden nach Bedarf auch an andere Krefelder Beratungsstellen und Hilfeangebote weiter.

Bei Jens Homann folgte auf den Jobverlust eine Kaskade an weiteren Kündigungen: Der Internetanbieter kappte den Anschluss, die Bank löste das Konto auf, nach und nach sprangen ihm die Versicherungen ab, laufende Rechnungen konnte er nicht mehr begleichen. Die Mietzahlungen und der Unterhalt für seine zwei Kinder haben die Behörden über Sozialhilfen zwar vorgestreckt. Sie muss Homann allerdings einst zurückzahlen. Seit 17 Monaten klebt Jens Homann am Existenzminimum.

Er gesteht: „Ich bin in dieser Zeit teilweise an meine Grenzen gestoßen und war auch überfordert.“ Sein Glück ist, dass er keine Probleme damit hat, Unterstützung zuzulassen. „Ich bin total froh, bei der Beratungsstelle gelandet zu sein. In einer solchen Situation ist diese Hilfe Gold wert.“ Niklas Pickhardt-Pankratz wusste sofort, wo er in Homanns Fall ansetzen muss. Der Sozialarbeiter verfügt über Erfahrung, Expertise und die Kontakte ins engmaschig kooperierende Netzwerk der Krefelder Hilfelandschaft. Zusammen mit Jens Homann hat er dessen Leben geordnet, an entscheidenden Stellen eingewirkt.

Schnell stellten sich so erste Fortschritte ein. Eine daraus resultierende gewisse finanzielle Absicherung sorgt auch dafür, dass sich Jens Homann wieder etwas unbesorgter der Jobsuche widmen kann. In seinem erlernten Beruf kann er aus Krankheitsgründen nicht mehr arbeiten. Gerne würde er sich daher zur Sicherheitsfachkraft umschulen lassen. Eine Sachkundeprüfung läuft gerade, erste Kontakte zu möglichen Arbeitgebern sind geknüpft. „Ich habe mein Leben lang gearbeitet und konnte immer für mich und meine Familie sorgen“, sagt der 58-Jährige. „Deswegen ist es mir sehr wichtig, in die Normalität zurückzukehren. Ich will weg von den Ämtern.“ Sein Esstisch soll bald wieder der Ort für Mahlzeiten werden. Frei von Briefen und Dokumenten. Frei von Existenzsorgen.

Der Trägerzusammenschluss des Ökumenischen Arbeitslosenzentrums Krefeld-Meerbusch und der städtischen Zentralstelle im Fachbereich Jugendhilfe und Beschäftigungsförderung besteht seit 2021. Die Beratungsstelle wird vom Europäischen Sozialfond (ESF) gefördert. Das Angebot ist freiwillig, kostenlos und unterliegt der Schweigepflicht. Niklas Pickhardt-Pankratz von der Stadt Krefeld ist erreichbar unter Telefon 0 21 51 / 86 34 65 oder via Mail an niklas.pickhardt@krefeld.de. Birgit Pannenbecker und Lukas Coelen vom Arbeitslosenzentrum stehen unter Telefon 0 21 51 / 77 57 44 und 77 77 35 oder via Mail an info@alz-krefeld.de zur Verfügung.

Hinweis: Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes ist der Name des Klienten geändert worden.

Quelle: Stadt Krefeld

Lukas Coelen (l.) und Birgit Pannenbecker vom Arbeitslosenzentrum Krefeld sowie Niklas Pickhardt-Pankratz von der Stadt Krefeld bilden das Dreierteam der Beratungsstelle Arbeit. | Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

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